Schule aktuell

BAfEP 10 Goes Europe: Auf den Spuren der Erinnerung in Favoriten

Schüler/innen der BAfEP 10 gestalten einen Gedenkweg durch Wien Favoriten, der Antisemitismus aktuellen Konflikten gegenüberstellt. Ihre Lehrenden erklären vorab, wie man ein multimediales Schulprojekt wie dieses entwickelt.

Florian Wörgötter - 12. Jänner 2023

Hoelzel Journal | Bafep10 goes Europe | Humboldtplatz | © Bafep10

BAfEP 10 Goes Europe: Schülerinnen der Bundesbildungsanstalt für Elementarpädagogik in Wien Favoriten auf ihrer Recherche am Humboldtplatz. Wo während des Novemberpogroms 1938 eine jüdische Synagoge zerstört wurde, soll ihr gemeinsam entwickelter Erinnerungsweg seine letzte Station haben.

„FÜR eine aktive Erinnerungskultur. GEGEN Antisemitismus und antidemokratische Tendenzen“, so lautet der Slogan auf der Webseite von BAfEP 10 Goes Europe. Im von Erasmus+ geförderten Schulprojekt der Bundesbildungsanstalt für Elementarpädagogik in Wien Favoriten geht es darum, Politische Bildung, Geschichte und Digitalisierung mit Antisemitismus und Vorurteilsabbau zu verbinden. Die gewählten Kanäle: ein virtueller und physischer Erinnerungsweg durch den 10. Wiener Gemeindebezirk, eine Reise zu einer Projektpartnerschule nach Berlin und ein Instagram-Account, der die einzelnen Schritte dokumentiert.

„Wir wollen unseren Schülerinnen und Schülern ein Bewusstsein für die Historie mitgeben, damit sie Erinnerungskultur auch aktiv ausüben und weitergeben können. Sie sollen erkennen, dass historisches Wissen auch in der Gegenwart relevant ist“, sagt Daniela Lackner, Lehrerin für Politische Bildung und Geschichte an der BAfEP 10.

Eine Umfrage an der Schule hat ergeben, dass die Schüler/innen relativ wenig über den Nationalsozialismus wissen. Da aktuelle Entwicklungen wie Corona-Demonstrationen, Verschwörungsmythen und Fake News aus dem Internet nach ähnlichen Mustern wie jenen des Antisemitismus funktionieren, sind die Schüler/innen interessiert, sich zu informieren und darüber zu reden, so Lackner.

Antisemitismus und Verschwörungsmythen

„Viele unserer Schüler/innen haben Wurzeln in Ländern mit Gesetzen, die nicht mit den Werten der EU zusammenpassen. Wir haben beobachtet, dass manche die Haltung ihrer Familien unreflektiert in die Schule tragen. Manche erfahren Unwahrheiten aus dem Internet, doch es fehlen ihnen Strategien, diese Fake News einzuordnen und zu dekonstruieren“, sagt Lackner. Ein Ziel des Projektes sei, ihnen Tools und Mittel zu geben, um hinterfragen zu lernen, was wahr und was fake ist. „Verschwörungsmythen hängen sehr oft mit rassistischer oder gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit zusammen. Und da wollen wir ansetzen.“

Hoelzel Journal | Bafep 10 Goes Europe | Collage | © Bafep10

Die 20 Schülerinnen auf ihrem persönlichen Gedenkweg durch ihren Heimatbezirk Favoriten.

Nach einem Jahr Vorbereitung und einem arbeitsintensiven Erasmus+-Projektantrag hat Lackner gemeinsam mit Kolleginnen das Freifach „Europäische Bildung“ auf den Stundenplan gebracht. Einmal im Monat verschreiben sich 20 junge Mädchen in vier Schulstunden dem Projekt.

Erinnerungsweg durch Favoriten

Im Entstehen ist ein Erinnerungsweg durch Favoriten, der virtuell via Webapp mit Karten, Fotos und Text begehbar ist, aber auch physisch zu realen Denkmälern und Gedenkstätten führt. Die sechs Stationen im 10. Wiener Gemeindebezirk widmen sich diversen Opfergruppen:

Den Ausgangspunkt des Gedenkweges bildet im Böhmischen Prater ein von der Schule initiierter Gedenkstein, der neben einem bereits existierenden Stein für getötete Zwangsarbeiter vom Werk Felten & Guillaume errichtet wird. In der Schrankenberggasse ganz in der Nähe befindet sich auch heute noch eine Volksschule, in der schon im Zweiten Weltkrieg die Zwangsarbeiter/innen untergebracht waren. Am Barankapark wird den Roma, Sinti und Lovari gedacht. Am Reumannplatz werden die vielen weiblichen Widerstandskämpferinnen gewürdigt. Und am Humboldtplatz erinnert ein Mahnmal an den Humboldttempel, eine während des Novemberpogroms 1938 zerstörte jüdische Synagoge.

Für dieses Projekt kooperiert die BAfEP 10 mit Institutionen wie Steine der Erinnerung, erinnern.at, dem Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien, dem Favoritener Kulturverein K10 und der Bezirksvorstehung. Über diese Organisationen sind auch schon Enkel/innen von Zeitzeugen an die Schule herangetreten. „Die Schüler/innen sind fasziniert, dass so vieles noch greifbar ist, solange die letzten Zeitzeugen und Zeitzeuginnen noch leben“, sagt Elke Zwick, verantwortlich für die Organisation der Reise zur Partnerschule und die Errichtung des Gedenksteines. So erzählen die Leute noch heute vom Wirtshaus nahe Schrankenbergasse, wo der Wirt immer besonders laut „Heil Hitler“ gerufen hat, wenn Nazis das Lokal betreten haben, damit das Hinterzimmer seine Zunge zügeln konnte. Auch innerhalb der „Ziegelböhmen“, der böhmischstämmigen Arbeiter/innenschaft, habe es eine tschechische Widerstandsgruppe in Favoriten gegeben.

Zeitzeuginnen und Quellenkritik

Zum Ablauf des Projekts: Eine erste Projektphase im Herbst hat die Schülerinnen in Workshops mit Basiswissen ausgestattet: Im Haus der Geschichte Österreich etwa haben sie Zeitzeuginnen zugehört und in einer LIKRAT-Begegnung haben sie von jüdischen Jugendlichen erfahren, wie diese heute leben. Seit der zweiten Projektphase im Dezember studieren die Schülerinnen die Quellen der einzelnen Stationen des Erinnerungsweges, die bereits in die virtuelle Führung eingespeist worden sind. Dabei haben sie gelernt, welche Erinnerungsstätten existieren und was ihre Opfergruppen alles durchmachen mussten.

Hoelzel Journal | Bafep 10 Goes Europe | Bibliothek | © Bafep10

In der Bibliothek der BAfEP 10 setzen sich die „Fragemente der Erinnerung“ zum großen Ganzen zusammen.

Im nächsten Schritt werden die Texte auch ins Bosnische/Kroatische/Serbische, Türkische, Arabische und Tschetschenische übersetzt, um der Diversität im bevölkerungsreichsten Bezirk Wiens auch gerecht zu werden (212.256 Einwohner/innen/2022). Die per QR-Code abrufbaren Infomaterialien sollen auch für weitere Schulklassen und andere Schulen mit Impulsfragen und Erklärvideos didaktisiert werden; für Interessierte werden sie auch demnächst hier öffentlich verfügbar gemacht.

Politische Teilhabe und Eigenmotivation

Ein Zwischenfazit: Was hat das Projekt „BAfEP 10 Goes Europe“ den jungen Mädchen bisher gebracht? „Die Schülerinnen haben gelernt, wenn sie sich aus Eigenmotivation in ein Thema vertiefen, ist das auch für sie selbst ein Gewinn“, sagt Lackner. „Und sie haben erkannt, dass es nicht ausreicht, seine Meinung einfach jemandem aufzudrücken, sondern dass es historisches Wissen und Informationen braucht, um seine Haltung auch zu verteidigen.“

„Wir haben viele Schüler/innen, die vom Wahlrecht ausgeschlossen sind, weil ihnen die österreichische Staatsbürgerschaft fehlt. In dem Projekt finden sie eine andere Möglichkeit, aktiv zu werden und Haltung zu zeigen“, sagt Johanna Honegger, zuständig für den Instagram-Auftritt und den Kontakt zur Berliner Partnerschule. Nicht nur die Schülerinnen, auch die Lehrenden hätten in ihrer sozialpädagogischen Aufgabe an Eigenverantwortung dazugelernt. Für das prozessorientierte Lernen von Jugendlichen sollte daher noch mehr Platz eingeräumt werden, da Lernen so für alle nachhaltiger sei, meint Honegger.

Demnächst reisen die Projektteilnehmerinnen von „BAfEP 10 Goes Europe“ zu ihrer Partnerschule nach Berlin. Dort werden sie erfahren, wie Erinnerungskultur in Deutschland gelebt und unterrichtet wird.

 

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