Schule aktuell

Was die Stiftung für Wirtschaftsbildung für Schulen alles plant

Hinter der Stiftung für Wirtschaftsbildung stehen AK, WKO, IV, Nationalbank & Co. Geschäftsführer Matthias Reisinger erklärt, wie lebensnahe Wirtschaft in die Unterstufe kommen soll – mit einer Lernplattform, Lehrmaterial und Schulpiloten.

Florian Wörgötter - 3. März 2022

Hoelzel Journal | Matthias Reisinger © Stiftung für Wirtschaftsbildung

Wir haben mit der Stiftung für Wirtschaftsbildung gesprochen. Geschäftsführer Matthias Reisinger erläutert uns die großen Pläne, mit denen AK, WKO, OeNB & Co. jugendrelevante Wirtschaft in die Unterstufe bringen wollen.

Die Stiftung für Wirtschaftsbildung möchte mehr lebensnahe Wirtschafts- und Finanzbildung in die Sekundarstufe I bringen. Wie kam es zur Gründung?

Matthias Reisinger: In der Stiftung für Wirtschaftsbildung haben sich sieben Institutionen vereint, um ihre Angebote für Wirtschaftsbildung zu bündeln und mit gemeinsamer Energie mehr zu bewegen. Die Gründungsallianz ist sehr divers und besteht aus Arbeiterkammer, Wirtschaftskammer, Industriellenvereinigung, Oesterreichische Nationalbank, ERSTE Stiftung, MEGA Bildungsstiftung und der Innovationsstiftung für Bildung.

Mit dieser Perspektivenvielfalt in unserer Gründungs-DNA setzen wir alles daran, um eine möglichst lebensnahe, wirkungsvolle und spannende Wirtschaftsbildung in der schulischen Allgemeinbildung zu stärken und zu verbreiten.

Wer war die treibende Kraft, dass sich alle Institutionen an einen Tisch setzen?

Wir sind eine Co-Stiftung der Innovationsstiftung für Bildung, welche auch als Schlüssel-Bindeglied im Prozess agiert hat. Alle anderen waren recht schnell dabei, weil eben klar war, dass es für Wirtschaftsbildung einen breiten Schulterschluss benötigt.

Wie finanziert sich die Stiftung für Wirtschaftsbildung?

Die Stiftung wird von den sieben Gründungsorganisationen zu gleichen Teilen finanziert. Zum jetzigen Zeitpunkt erhalten wir keine Förderungen vom Bund.

Warum war es nötig, diese Stiftung für Wirtschaftsbildung ins Leben zu rufen?

Schon vor Corona waren über 600.000 Österreicher/innen überschuldet oder zahlungsunfähig, konnten also ihre Schulden auf absehbare Zeit nicht mehr tilgen. In der Schuldnerberatung ist jede vierte Person unter 30 und hat bis zu 30.000 Euro Schulden. Laut Schuldnerberatung ist der zweithäufigste Grund dafür ein mangelhafter Umgang mit Geld. Viele Menschen haben diesen Umgang daheim oder in der Schule nicht gelernt.

Doch Wirtschaftsbildung bedeutet auch das Umsetzen eigener Ideen, also eine Entrepreneurship Education. Statistiken zeigen im EU-Vergleich, dass österreichische Schüler/innen in der Schule kaum lernen, eigenständige Projekte zu planen und umzusetzen. Und damit ist nicht gemeint, dass alle ein Unternehmen gründen sollen.

„Wir möchten Jugendlichen ihre Rolle im Wirtschaftssystem näherbringen und so zeigen, dass sie die Wirtschaft, ihr Leben und die Gesellschaft sehr wohl gestalten können.“

Fragt man Jugendliche am Ende ihrer Schullaufbahn, wie sie sich im Verhältnis zur Wirtschaft sehen, dann antworten sie oft, Wirtschaft sei abstrakt, komplex, hätte wenig mit ihnen zu tun und sei für sie tendenziell nicht gestaltbar. Wir möchten ihnen ihre Rolle im Wirtschaftssystem näherbringen und so zeigen, dass sie die Wirtschaft, ihr Leben und die Gesellschaft sehr wohl gestalten können. Doch dafür müssen sie die Zusammenhänge auch verstehen.

In Ihrem soeben erschienenen YEP-Jugendbericht Wirtschaftsbildung haben Sie junge Menschen qualitativ und quantitativ befragt, was sie von Wirtschaftsbildung erwarten. Wie hoch ist denn das Interesse an Wirtschaft in der Sekundarstufe I?

Wenn man die Schüler/innen auf das Thema „Wirtschaft“ anspricht, dann ist das Interesse  vorhanden, aber nicht übermäßig ausgeprägt. Gleichzeitig fühlt sich die Hälfte der Schüler/innen überhaupt nicht oder zu wenig auf das Leben nach der Schule vorbereitet. Was sie lernen wollen: einerseits soziale Kompetenzen wie Kommunikation, Kreativität, aber auch Empathie und Teamarbeit. Und dann nennen sie pragmatische Themen, die wir großteils der Wirtschaftsbildung zuordnen:

Sie wollen selbstständig leben können. Also: Wie gehe ich mit Geld um? Was steht in einem Dienstvertrag? Wie finde ich meinen Beruf? Wie kann ich eigene Ideen umsetzen? Wie mietet man eine Wohnung? Wie funktioniert das Leasing eines Autos? Wen soll ich einmal wählen? Überrascht hat uns auch, dass Jugendliche ein sehr ausgeprägtes Interesse an Steuern zeigen.

Gerade eben haben Sie auch die Plattform Wirtschaft-erleben.at gelauncht. Dort finden Lehrende der Sekundarstufe I kostenfreie Lern- und Lehrmaterialien. Welche dieser „Life Skills“ wollt Ihr mit dem Unterrichtsmaterial vermitteln?

Die Plattform gliedert sich in die sechs wichtigsten Themenfelder: Wir bieten Lern- und Lehrmaterial in den Kategorien Haushalt, Konsum und private Finanzen und erklären, wie Unternehmen, Produktion und Dienstleistungen funktionieren. Ein zentrales Thema ist die Berufsorientierung in der Kategorie Beruf- und Arbeitswelt.

Bei Entrepreneurship Education geht es darum, dass junge Menschen lernen, eigene Ideen zu entwickeln und auch umzusetzen. Da Wirtschaft nicht im luftleeren Raum isoliert schwebt, muss man auch ihr Verhältnis zu Demokratie, Umwelt und Gesellschaft sehen. Die Kategorie Wirtschaftliche Zusammenhänge zeigt, wie Wirtschaft auf regionaler, nationaler und globaler Ebene funktioniert.

Wer hat die Unterrichtsmaterialien erstellt?

Mit unserem Soft-Launch haben wir ganz unterschiedliche Quellen veröffentlicht: Es finden sich Unterrichtsmaterialien der Gründungsorganisationen Arbeiterkammer, Wirtschaftskammer, des Financial Lifepark der ERSTE Stiftung und der Oesterreichischen Nationalbank. Darüber hinaus haben wir tolle Projekte von INSERT, der Gesellschaft für sozioökonomische Bildung und Wissenschaft oder von IFTE, die sich sehr viel mit Entrepreneurship Education beschäftigt. Die Materialien werden laufend ergänzt.

Wie sichert ihr die Qualität des Unterrichtsmaterials?

Wir haben mit unserem Beirat an Expertinnen und Experten einen Kriterienkatalog erstellt. Das Lern- und Lehrmaterial darf nicht nur eine Perspektive beleuchten, muss frei von Werbung sein und soll einen guten didaktischen Aufbau haben. Umgesetzt wird die Qualitätsprüfung auch von Wirtschaftskunde-Lehrenden und Wirtschaftspädagogen- und -pädagoginnen, die die Zielgruppe gut kennen.

Wie geht eure Qualitätssicherung damit um, wenn etwa Banken oder Versicherungen intendieren, junge Menschen zum Konsum von Finanzprodukten zu erziehen?

Unsere Qualitätsprüfung sollte versteckte Werbung ausschließen. Worum es geht: Junge Menschen werden heute über soziale Medien wie kaum zuvor mit teilweise fragwürdigen Inhalten konfrontiert. Etwa wenn TikTok-Influencer/innen raten, mit welchen Aktien man reich wird oder mit welcher Kryptowährung man einen Lamborghini kaufen kann.

„Junge Menschen werden heute über soziale Medien wie kaum zuvor mit teilweise fragwürdigen Inhalten konfrontiert.“

Die Jugendlichen müssen diesen Teil ihrer Lebensrealität auch einordnen lernen. Das bedeutet auch, das Verhältnis zwischen Rendite und Risiko abwägen zu können. Genauso sollen sie für sich selbst einschätzen lernen, welches Sparprodukt für sie geeignet ist und was Sparen im Kontext von Inflation, Niedrig-, Nullzins- oder Negativzinspolitik bedeutet. Wenn sie das nicht lernen, könnten sie tatsächlich jemandem fälschlicherweise vertrauen, der ihnen auf YouTube authentische, aber dubiose Ratschläge gibt.

Auf Basis eurer Forschungsergebnisse: Welche Methoden sollte eine lebensnahe, für die Jugend spannende Wirtschaftsbildung anwenden?

40 Prozent der befragten Schüler/innen finden Wirtschaft nicht spannend aufgrund der Methode, mit der unterrichtet wird. Junge Menschen wollen keine faden Frontalvorträge über abstrakte Themen, sondern Projekte machen, selber ausprobieren, raus in die Praxis. Sie wollen Workshops, sich interaktiv Gedanken machen, ein spannendes Planspiel, einen Escape-Room, digitale Lernstrecken, Videoserien oder Comics.

Wichtig ist, dass die Kinder und Jugendlichen einfach selbst ins Ausprobieren und Entdecken kommen. Daher entwickelt die Stiftung für Wirtschaftsbildung bereits solche Methoden, die wir ab September in einem Schulpiloten an der Sekundarstufe I umsetzen wollen.

Was konkret planen Sie mit dem Schulpilot Wirtschaftsbildung?

Wir starten kommenden September einen vierjährigen Schulpiloten an 35 Schulen der Sekundarstufe I. Aus jedem Bundesland ist mindestens eine Schule dabei – AHS und Mittelschule, Groß und Klein, Stadt und Land. Wir beginnen mit der ersten Klasse Unterstufe und begleiten sie bis zur vierten Klasse.

Die Schulen bekommen von uns ein umfangreiches Unterstützungspaket mit interaktiven Lehr- und Lernmitteln bis hin zu Fortbildungsangeboten für Lehrende. Wir arbeiten derzeit an der Vernetzung mit der Praxis und einer Form von Co-Teaching mit der schuleigenen Lehrkraft. Natürlich erhalten die Schulen von uns auch ein Budget von bis zu 5.000 Euro pro Jahr, das sie eigenständig investieren können – sei es in Materialien, Veranstaltungen, Ausflüge oder ein eigenes Wirtschaftslabor.

Begleitend werden wir das gemeinsam mit dem Institut für Höhere Studien (IHS) und der Oesterreichischen Nationalbank wissenschaftlich erforschen, um auch evidenzbasiert sagen zu können: So funktioniert ein spannender und hoffentlich wirkungsvoller Wirtschaftsbildungsunterricht am besten. Lasst ihn uns doch bitte auf alle Schulen ausrollen.

Soll Wirtschaftsbildung nur im Geografie-und-Wirtschaftskunde-Unterricht stattfinden? Oder wollt ihr sie auf mehrere Fächer ausweiten?

Ähnlich wie digitale Grundbildung sehen wir Wirtschaftsbildung als Querschnittskompetenz. Das Fundament lässt sich im Fach Geografie und wirtschaftliche Bildung legen. Beim Schulpiloten werden wir auch zwei unterschiedliche, vertiefende Modelle testen: Zum einen in einem Wirtschaftsbildungsfach zusätzlich zu Geografie und Wirtschaftskunde. Zum anderen im fächerübergreifenden, vernetzten Lernen.

„Ähnlich wie digitale Grundbildung sehen wir Wirtschaftsbildung als Querschnittskompetenz.“

Zwei Drittel der teilnehmenden Schulen haben fächerübergreifende Projektwochen gewählt, um sich etwa dem Umgang mit Geld, wirtschaftlichen Zusammenhängen oder der Berufsorientierung zu widmen. Unsere Begleitforschung wird beide Modelle evaluieren.

Plant ihr eine Fortbildung für Lehrkräfte auch außerhalb der Schulpiloten?

Im ersten Durchlauf werden wir 80 bis 100 Lehrkräfte im Schulpiloten fortbilden. Unsere Ambition ist aber, dass wir künftig auch allen Lehrenden Fortbildungen anbieten wollen.

Welche Ziele will die Stiftung für Wirtschaftsbildung bis zum Jahr 2025 erreichen?

Das mittelfristige Ziel lautet, dass eine lebensnahe, wirkungsvolle Wirtschaftsbildung idealerweise allen österreichischen Schülerinnen und Schülern zugutekommt. Wir fokussieren uns deshalb auf die Sekundarstufe I, weil viele der dortigen Schüler/innen unmittelbar vor dem Berufsleben stehen. Wenn sie dieses Wissen in der Unterstufe nicht mitbekommen, dann wird es für sie schwierig, es danach aufzuholen. Das wollen wir erreichen durch Bewusstseinsbildung, die Unterstützung der Lehrkräfte und mit unserem Schulpiloten. Wir freuen uns auch über Feedback, wie wir mit unseren (Online-)Angeboten Lehrende bestmöglich unterstützen können.

 

Die Online-Plattform Wirtschaft erleben bietet Lehrkräften auch einen Überblick über weiterführende Angebote wie Workshops, Führungen oder Betriebsbesuche – auch für die Oberstufe. Hier gelangen Sie zum Lehr- und Lernmaterial der Stiftung für Wirtschaftsbildung.

Wenn Sie einen Aktionstag an Ihrer Schule planen wollen, fördert die Stiftung für Wirtschaftsbildung den Tag mit bis zu 1.000 Euro. Hier geht’s zum Aktionstage-Scheck.

 

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