Schule aktuell

TGM meets WOMENinICT: Wie mehr Mädchen ihren Weg in die IT finden sollen

Die HTL des Technologischen Gewerbemuseums Wien (TGM) möchte mehr Mädchen für die IT begeistern. Gottfried Koppensteiner über die Kooperation mit dem Frauennetzwerk WOMENinICT und warum die IT von Frauen profitiert.

Florian Wörgötter - 3. Februar 2022

Hoelzel | Bildungsmagazin Was jetzt | Schüler/innen des TGM | © Robert Wimberger, Pixelpartners

In der Informationstechnologie arbeiten lediglich 18 Prozent Frauen. Eine Kooperation zwischen dem TGM und dem Frauennetzwerk WOMENinICT des Verbands Österreichischer Software Industrie (VÖSI) soll das ändern. Wie die Schule den weiblichen Role Models der IT und ihren vielseitigen Berufsbildern eine Bühne bieten kann, schildert der koordinierende IT-Abteilungsvorstand Gottfried Koppensteiner im Interview.

Was jetzt: Das TGM will gemeinsam mit WOMENinICT mehr Mädchen für eine Ausbildung in der Informationstechnologie begeistern. Warum ist das notwendig?

Gottfried Koppensteiner: Wir brauchen in Österreich viel mehr Informationstechniker/innen – sowohl Männer als auch Frauen. Aktuell kann die Branche den Bedarf nicht decken, daher stehen viele Arbeitsplätze offen. Bei den Burschen haben wir schon sehr großen Zulauf, sodass wir jene, die wirklich für den Beruf geeignet sind, auch ausbilden. Bei den Mädchen sehen wir noch großes Potenzial.

Der zweite treibende Faktor: Ich bin überzeugt, dass Technik nicht nur von Männern gestaltet werden sollte. Weil Technik den Alltag aller Menschen unterstützt, finde ich es wichtig, dass Technik von beiden Geschlechtern gestaltet wird. Ich bemerke auch, dass Mädchen oftmals einen anderen Zugang zur Technik haben als Burschen und sich gemischte Klassen sozialer entwickeln, was sich positiv auf alle Beteiligten auswirkt.

Was unterscheidet den weiblichen Zugang zur Technik?

Ich will nicht in Klischees verfallen, doch Mädchen denken oftmals eine Spur sozialer und haben das Drumherum im Kopf. Sie diskutieren tendenziell mehr als Burschen, wodurch sie ein Projektergebnis auch weiterdenken. Während Burschen eher an ihren Ideen festhalten, kommen in gemischten Projektgruppen andere Resultate raus, als anfangs zu erwarten war.

„Weil Technik den Alltag aller Menschen unterstützt, finde ich es wichtig, dass Technik von beiden Geschlechtern gestaltet wird.“

Laut einer 2021 erschienenen Studie des VÖSI arbeiten in der österreichischen IT-Branche lediglich 18 Prozent Frauen. Entspricht das auch dem Schülerinnenanteil im Ausbildungszweig IT am TGM?

In guten Jahren besuchen unsere IT-Ausbildung circa 20 Prozent Mädchen; in den schlechteren sind es etwa 15 Prozent. Als ich die Abteilung im Jahr 2014 übernommen habe, lag der Frauenanteil noch bei 9 Prozent. Unser Ziel wäre, ihn auf ein Drittel zu steigern, aber davon sind wir noch weit entfernt.

In welchem Zeitraum wollen Sie dieses Ziel erreichen?

Ich wollte das schon in den ersten fünf Jahren erreichen. Wir waren auch gut unterwegs, doch vor zwei Jahren wurde in der HAK ein IT-Lehrplan eingeführt. Mädchen mit Interesse für IT überlegen oft zwischen einer anwendungsorientierten HAK und einer technischeren HTL. Manche wählen dann eher die HAK, weil sie glauben, dass sie in der Wirtschaft mehr mit Menschen zu tun haben als in der Technik – doch diese Ansicht wollen wir aufbrechen.

Hoelzel | Bildungsmagazin Was jetzt | Gottfried Koppensteiner | © Medientechnik TGM

Gottfried Koppensteiner ist IT-Abteilungsvorstand am Wiener TGM und Bindeglied zwischen Technikerinnen aus der Praxis und Schüler/innen der Sekundarstufe II.

Welche Schritte plant das TGM im Rahmen der Kooperation mit WOMENinICT?

Grundsätzlich wollen wir das Interesse an naturwissenschaftlichen und technischen Fächern (MINT) wecken. Das bedeutet für uns, dass wir so früh wie möglich für MINT-Gegenstände werben müssen, also bereits in der Sekundarstufe I und der Volksschule, vielleicht sogar schon im Kindergarten.

Die Idee ist, dass wir mit Workshops die Lehrkräfte und Schüler/innen der Unterstufe unterstützen. Um den Lehrenden die Arbeit abzunehmen, planen wir einen Material- oder Projektkoffer für ein kleines Robotik-Projekt oder ein technisches Experiment. Den Vortrag sollen Frauen aus der IT-Branche oder auch Mädchen aus dem TGM übernehmen.

Sollen diese Workshops von Mädchen für Mädchen gestaltet werden?

Das können einerseits Workshops rein für Mädchen sein oder auch für alle zusammen. Wir beobachten bei den 6- bis 14-Jährigen, dass Mädchen, wenn sie gemeinsam mit Burschen an einem Roboter basteln sollen, sich gerne die Schneid abkaufen lassen und sich zurücknehmen. Daher ist es manchmal hilfreich, eigene Workshops für Mädchen zu machen, damit sie auch zum Zug kommen.

Ich glaube, dass unsere 16-jährigen Schülerinnen einen Mehrwert liefern, wenn sie in der Unterstufe einen Workshop mit anderen Mädchen machen. Es bricht die Altersbarriere auf, wenn man wirklich alle Generationen ins Boot holt.

Wie wollt ihr die IT attraktiver für Mädchen machen?

Ein zweites Anliegen ist, dass wir das vielseitige Berufsbild der IT aufzeigen wollen. Oftmals besteht in der Gesellschaft das Bild eines männlichen IT-Technikers im Kapuzenpulli, der im dunklen Kämmerlein alleine vor seinem Monitor sitzt und keinen Kontakt zu Menschen hat. Doch es gibt vielfältige Berufsbilder, in denen man projektbezogen sehr viel mit Menschen arbeitet.

„In der IT gibt es vielfältige Berufsbilder, in denen man projektbezogen sehr viel mit Menschen arbeitet.“

Dass IT für Frauen spannend ist, werden wir voraussichtlich in kurzen Werbefilmen und Interviews zeigen, in denen IT-Frauen Einblicke in ihren Berufsalltag geben. Das andere ist, dass Frauen aus der Praxis in Schulen gehen und ihr Wissen vor Ort an Mädchen weitergeben – welche Jobs sie ausüben, wie interaktiv diese sind und wie es ihnen im Berufsfeld geht.

Was plant ihr für die Mädchen am TGM?

Unsere Mädchen haben bereits den Weg in die IT gewählt. Damit sie ihn auch nach der Schule weitergehen, ist es wichtig, dass wir ihnen Mentorinnen aus der Praxis zur Seite stellen, die sie längerfristig betreuen, um ihnen den Berufseinstieg zu erleichtern.

In Workshops wollen wir auch diskutieren, was den Mädchen zwischen 16 und 20 Jahren auf ihrem Weg in die IT geholfen hat und welche Ideen die Jugendlichen haben, damit auch andere Mädchen diesen Weg einschlagen. Wir wollen von den Jugendlichen lernen.

Weiters sollen meine Schüler/innen eine Webseite entwickeln, die das gesamte Projekt samt Infos, Videos, Links und Mentorinnen-Programm abbildet.

Laut der VÖSI-Studie arbeiten die meisten IT-Frauen in den Bereichen Software-Architektur (20 %), Standard-Software-Entwicklung (19 %) und App-Entwicklung/Coding (17 %). Am wenigsten wählen die Systemadministration (8 %), das Solution Developing (7 %) oder die IT-Security (1 %). Fazit: Je technischer der Job, desto weniger Frauen. Wie nimmt man Mädchen die Angst vor komplexer Technik?

Dieses klare Rollenbild gibt unsere Gesellschaft vor. Das beeinflusst einerseits die Mädchen, die eine IT-Ausbildung bei uns machen, und was sie sich letztendlich im Job zutrauen. Daher muss man ihr Selbstbewusstsein stärken, dass sie sich auch jeden Schritt zutrauen.

Andererseits ist es in den Betrieben draußen noch immer so, dass sie eher Männern die technischen Inhalte zutrauen. Frauen kommen öfter über andere Ausbildungswege in die IT und arbeiten dann im Management oder der Organisation von Projekten. Diese klaren Rollenbilder gilt es aufzubrechen.

Dass das möglich ist, sehen wir an unseren Mädchen in der Schule. Wir haben ausgezeichnete Programmiererinnen und auch solche, die sich für die beinharte Systemtechnik interessieren, also auch wissen wollen, wie Systeme im Hintergrund funktionieren. Man muss sie nur unterstützten und helfen, sich gegen Rollenbilder durchzusetzen.

Hoelzel | Bildungsmagazin Was jetzt | Schüler/innen des TGM | © Robert Wimberger, Pixelpartners

Schüler/innen des TGM auf ihrem Weg in die Technik.

Welche technischen Berufe sind bei Ihren Schüler/innen am gefragtesten?

Aus meiner Erfahrung in der HTL kann ich sagen, dass Biomedizin und Gesundheitstechnik bei Mädchen am besten ankommen. Dort verspricht die Technik, einen besonderen Bezug zum Menschen herzustellen. Auch interdisziplinäre Themen, wo sie ihre Interessen mit Technik verknüpfen können, sind gefragt. In der IT kommen die meisten Mädchen mit dem Wunsch, im künstlerisch-gestalterischen Bereich der Medientechnik tätig zu sein.

Welche Jobchancen warten auf Mädchen mit einer abgeschlossenen IT-Matura?

Ich kann für Burschen wie für Mädchen sagen, dass sie nach der Schule sofort einen Job finden werden. Meine Mädchen erhalten sehr gute Anfangsgehälter, weil sie gebraucht werden wie ein Bissen Brot. Sie steigen teilweise über dem Kollektivvertrag ein und übernehmen in großen Unternehmen Projektmanagement-Jobs, für die man normalerweise ein abgeschlossenes Studium braucht.

Wie hoch ist denn das Einstiegsgehalt für IT-Maturanten und -Maturantinnen?

Laut Kollektivvertrag verdienen Berufseinsteiger/innen monatlich 2.500 Euro brutto. Ich schätze, das lässt sich mit geschickten Verhandlungen auf 2.800 Euro brutto oder noch höher schrauben.

Laut der VÖSI-Studie setzt bislang nur knapp ein Viertel der IT-Unternehmen auch Maßnahmen, um mehr Frauen für IT-Jobs zu gewinnen. Was müssten IT-Unternehmen ändern, dass sich mehr Frauen bewerben?

Es gilt darzustellen, wie vielseitig und interdisziplinär die Berufsbilder der IT sein können. Dass man nicht nur am PC sitzt und „runtercodet“, sondern auch sehr viel mit Menschen in Teams arbeitet. Und: Wenn man gute Fachkräfte will – egal ob Männer und Frauen –, sollte man seinen Angestellten mehr bieten.

Ich vermute, dass ein IT-Job voller Projekte mit Deadlines eine harte Welt ist und dass Unternehmen Ängste haben, dass weibliche Mitarbeiter/innen ausfallen, wenn sie in Karenz gehen. Das beginnt jetzt aber aufzubrechen, indem auch Männer eine Karenz wählen, um bei den Kindern zu Hause zu bleiben.

Mit welchen Vorurteilen haben Frauen in der IT zu kämpfen? Und wie könnte man sie abbauen?

Das Vorurteil, dass Frauen weniger gute Technikerinnen seien wie Männer, kann man nur abbauen, indem man erfolgreiche IT-Frauen auf die Bühne holt und zeigt, was sie können. Das machen eh schon mehrere Initiativen. Wichtig dafür ist, dass man Frauen überhaupt die Chance gibt, prestigeträchtige Projekte zu machen.

„Das Vorurteil, dass Frauen weniger gute Technikerinnen seien, kann man nur abbauen, indem man erfolgreiche IT-Frauen auf die Bühne holt und zeigt, was sie können.“

Wir sehen es auch im Unterricht: Wenn man Mädchen machen lässt, kommt auch wirklich was Gutes raus. Es ist nur dann gefährlich, wenn ein einziges Mädchen in einer Gruppe mit Burschen sitzt, weil es sich dann oft zurücknimmt.

Welche Bühne bietet ihr erfolgreichen Schülerinnen am TGM?

Wir versuchen an der Schule, technisch gute Arbeiten von Mädchen auszuzeichnen. Unsere HIT-Awards vergeben wir auch an Mädchen, um sie auf die Bühne zu holen und zu demonstrieren, was sie können.

Letztes Schuljahr hat eine Gruppe von Mädchen bei einem Hacking-Wettbewerb sogar besser abgeschnitten als die Burschen. Das gilt es herzuzeigen. Wir könnten an der Schule aber noch lernen, diese Erfolge besser zu vermarkten.

Wie würden Sie jungen Mädchen aus der Unterstufe erklären, warum sie ihre Zukunft der IT widmen sollen?

Die IT ist zu einem treibenden Faktor der Gesellschaft geworden und verantwortlich für gesellschaftliche Änderungen. Das beste Beispiel ist das Smartphone und die unzähligen Apps und Algorithmen, die unseren Alltag unterstützen und beeinflussen. Ich denke, wenn Frauen diese Technik intensiver mitgestalten, dann wird die gesamte Technologie besser, nutzerfreundlicher, menschlicher und ethisch verträglicher.

Und wenn man Rollenbilder aufbrechen will, dann ist die IT der richtige Weg. Denn gerade dort braucht es Mädchen, die sich zutrauen, in den Beruf einzusteigen, um tatsächlich etwas in der Welt zu verändern.

 

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