Schwerpunkt: Orientierung

Johannes Gruber: Geschichtsunterricht mit kreativen Lehrmethoden

Geschichte und langweilig? Stimmt so nicht, weiß Johannes Gruber, Geschichte- und Englischlehrer an der Vienna Bilingual Middle School. Zur Vermittlung setzt er auf Rollenspiele.

Ulrike Potmesil - 14. Dezember 2023

Johannes Gruber, BEd unterrichtet Geschichte und Englisch in der VBS Wendstattgasse, der Vienna Bilingual Middle School, und setzt auf kreative Unterrichtsmethoden, wie zum Beispiel Rollenspiele. Gruber spricht für das Hölzel Journal über Vorteile und Herausforderungen beim Lehren abseits von Frontalunterricht.

Hölzel Journal: Wie läuft ein geschichtliches Rollenspiel ab? Kann man sich das wie eine Theaterinszenierung vorstellen, in der die Schülerinnen und Schüler Personen aus der Geschichte darstellen?

Johannes Gruber: Ein vollständig einstudiertes Theaterstück wird während des Geschichteunterrichts in der Regel nicht aufgeführt, schließlich bin ich ja kein Deutschlehrer (lacht). Dennoch geht es nicht um Improvisation, sondern die Rollen werden im Vorfeld erarbeitet. Am besten funktioniert das in Gruppen, die verschiedene Positionen einnehmen. Dazu ist es notwendig, im Vorfeld Hintergrundinformationen zu liefern, damit die Schülerinnen und Schüler überzeugend in ihrer Rolle sprechen, argumentieren und diskutieren können.

Das klingt ein wenig abstrakt. Können Sie diese Positionen anhand eines Beispiels erläutern?

Ich habe mit meiner Klasse ein Rollenspiel zum Thema “attische Demokratie in Griechenland” erarbeitet. Die Klasse wurde in vier Gruppen unterteilt: Bürger, Frauen, Metöken und Sklaven. Die Aufgabe der Kinder war, für sich Mitspracherecht einzufordern und entsprechende Argumente für ihre Forderungen auszuarbeiten. Am Ende fand eine Wahl statt. Da jedoch im attischen Griechenland nur die Bürger Wahlrecht hatten, fiel die Entscheidung konsequenterweise sehr einseitig aus. In diesem Moment tritt im Idealfall bei den Schülerinnen und Schülern eine Epiphanie – ein Aha-Effekt – ein. Sie erkennen, dass die attische Demokratie weit von unserer heute gelebten Demokratie entfernt war, dass die “Herrschaft des Volkes” realpolitisch nicht durchsetzbar war. Sie beginnen, politische Mechanismen zu verstehen, spüren Macht und Ohnmacht, erkennen Herrschaftsverhältnisse.

Inwieweit profitieren die Schülerinnen und Schüler vom Wissen über geschichtliche Machtverhältnisse? Betrifft sie das aus heutiger Sicht bzw. können sie daraus Rückschlüsse zur aktuellen Politik ziehen?

Mit Rollenspielen können sich die Lernenden der Vergangenheit nur annähern, sie selbstverständlich nie vollkommen spüren.

Es ist die Aufgabe der Geschichtelehrer/innen, die Vergangenheit mit der Gegenwart zu verknüpfen.

Das Spannende an Geschichte sind ja gerade die Erkenntnisse, die wir aus ihr für die Gegenwart gewinnen. Ein grundlegendes Verständnis für politische Mechanismen der Vergangenheit führt zu Orientierungskompetenz in der Gegenwart. Dafür sind Rollenspiele bestens geeignet.

Die Klasse als “Spielplatz”: Lässt sich diese Form des Unterrichts in großem Umfang anwenden? Kann der Lehrplan in dieser Form eingehalten werden? 

In der Praxis ist das natürlich nicht in jeder Unterrichtsstunde möglich, denn Rollenspiele sind sehr zeitaufwendig, sowohl in der Vorbereitung für Lehrende und Lernende als auch in der Ausführung und in der Nachbereitung. Letztere ist sehr wichtig, denn die Schülerinnen und Schüler müssen die Möglichkeit der Reflexion haben, mit ihr findet der Wissenstransfer statt: Was kann ich aus der jeweiligen Situation lernen? 

Nun stelle ich mir vor, dass es Kinder gibt, die einfach nicht gerne auf der Bühne stehen, denen Rollenspiele unangenehm sind. Wie sieht die Leistungsbeurteilung aus, wenn Schülerinnen und Schüler ihren tatsächlichen Wissensschatz aufgrund von Hemmungen, in einer Rolle zu sprechen, nicht im tatsächlichen Maße ausspielen können? 

Da muss man als Lehrender sehr genau hinsehen und seine “Kandidaten” gut kennen. Denn nicht nur Bühnenangst, sondern auch mangelhafte Deutschkenntnisse können Hemmungen verursachen.

Gruppenarbeiten haben sich da bewährt, da kann die Gruppe eine Sprecherin oder einen Sprecher auswählen.

Übrigens können durchaus auch Buben die Rolle von Frauen einnehmen, die lernen dann, dass es in der Vergangenheit oftmals nicht sehr cool war, eine Frau mit geringen Rechten zu sein. Zum Schluss bewerte ich die Gruppenarbeit, aber auch die Performance, allerdings nur inhaltlich. Rollenspiele sind eben eine Herausforderung − für die Kinder ebenso wie für Lehrerinnen und Lehrer. Frontalunterricht ist einfacher in der Vorbereitung und Benotung und er ist effizienter, was den Umfang des Unterrichtsstoffs betrifft. Nur ist eben die einfache Methodik nicht immer die beste. 

Wie moderiert man eigentlich ein Rollenspiel, sodass die Diskussion nicht in Chaos ausartet? Oder konkret: Gehen Rollenspiele auch manchmal gründlich schief? 

Schiefgehen kann es eigentlich nicht, denn auch wenn’s mal richtig laut wird und sich die Schülerinnen und Schüler im Eifer des Gefechts anschreien, wird das Chaos spätestens bei der Reflexionsrunde relativiert. Heftige Diskussionen haben ja auch einen Lerneffekt. Einer meiner Kollegen hat mir erzählt, dass er das Thema Merkantilismus in Form eines Rollenspiels unterrichtet hat. Die Kinder mussten um Haribos verhandeln – und da wurde es so richtig laut. Letztendlich ist es auch eine Frage des Klassengefüges, es gibt Radau-Klassen und Klassen mit lauter “Schlaftabletten”. In beiden Fällen sind Rollenspiele eine noch größere Herausforderung. 

Welche kreativen Unterrichtsformen setzen sie abseits von Rollenspielen ein? 

Spannend ist es auch, die Schülerinnen und Schüler Dialoge von Personen aus der Geschichte schreiben zu lassen. Dabei habe ich mit Whatsapp gute Erfahrungen gemacht. Die Kinder schreiben ein fiktives Interview als Chatverlauf und bedienen sich dabei der informellen Sprache des Chattens. Damit lernen sie eine Grundkompetenz – das selbständige Erzählen von Geschichten – auf Basis ihrer eigenen Narrative in einem Format, das ihnen vertraut ist und in dem sie sich wohlfühlen. 

Es geht also darum, die Schülerinnen und Schüler in der Gegenwart abzuholen und sie mit heutigen technischen Möglichkeiten an die Geschichte heranzuführen. 

Genau. Zu diesem Thema passen auch gut digitale Rollenspiele. Da gibt es ganz tolle Programme, die Vorbereitung ist deutlich einfacher, ebenso fällt die Moderation weg. Der Vorteil: Mit dem Laptop bewegen sich die Kinder auf vertrautem Terrain und sie erfahren zugleich, dass man auch beim Computerspielen Informationen mitnehmen kann. Somit sind die digitalen Rollenspiele eine niederschwelligere Möglichkeit für jene, die sich bei Live-Performances nicht so wohlfühlen, direkt in die Geschichte einzutauchen. 

Wenden wir uns von der Vergangenheit der Gegenwart zu: Inwieweit werden tagesaktuelle Themen im Unterricht aufgegriffen? 

Das hängt vom Alter der Schülerinnen und Schüler ab, manche Themen überfordern jüngere Kinder einfach, weil ihnen noch das Basiswissen zur politischen Bildung fehlt. Andererseits übernehme ich immer dann, wenn die Schülerinnen und Schüler Tagespolitik ansprechen, das Thema, das sie gerade bewegt. Auch hier funktionieren Rollenspiele, wie zum Beispiel “Last Exit”. Die Kinder schlüpfen in die Rolle eines Flüchtlings und müssen schwerwiegende Entscheidungen treffen – werden vor Dilemmas gestellt. Zum Beispiel zur Vorgabe: Du darfst nur drei Sachen mitnehmen. Welche sind das? Was ist wichtig? Aus aktuellem Anlass könnte auch der Nahostkonflikt den Lernenden in Form eines Rollenspiels nähergebracht werden. Dazu schlüpfen die Kinder in die Rolle israelischer und palästinensischer Führung und versuchen, den Konflikt zu lösen. Jede Handlung hat dabei Auswirkungen auf die Stimmung beider Lager oder die internationale Gemeinschaft UN/UNO. Der entscheidende Lerneffekt dabei ist:

Es gibt in diesem Konflikt kein Schwarz-Weiß, sondern viele Schattierungen.

Da sind wir wieder beim oben angesprochenen Thema: Rollenspiele fördern die politische und gesellschaftliche Orientierungskompetenz.

 

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