Schwerpunkt: Orientierung

WU4JUNIORS: Wirtschaft, Finanzen und Recht für Jugendliche

Die Wirtschaftsuniversität Wien will mit WU4JUNIORS das Wirtschaftsdefizit der Jungen minimieren. Leiter Oliver Vettori erklärt, wie sich Schüler/innen mit den Online-Modulen weiterbilden und Lehrende diese im Unterricht verwenden.

Florian Wörgötter - 27. Jänner 2022

Hoelzel | Bildungsmagazin Was jetzt | WU4JUNIORS | Oliver Vettori | © Huger

Österreichs Jugend hat Nachholbedarf in Wirtschafts- und Finanzbildung. Diese Lücke möchte die Wirtschaftsuniversität Wien mit ihrem Programm WU4JUNIORS füllen. Wie sich Schüler/innen mit den Online-Modulen und der Summerschool für den Arbeitsmarkt rüsten können, erklärt Programmleiter Oliver Vettori im Interview.

Was jetzt: Herr Vettori, welche Idee steckt hinter dem WU4JUNIORS-Programm?

Oliver Vettori: Als öffentliche Universität versuchen wir, der Öffentlichkeit etwas zurückzugeben, indem wir mit WU4JUNIORS wirtschaftspädagogische Impulse setzen. Wir haben auch die WU-Wirtschaftspädagogin Bettina Fuhrmann als wissenschaftliche Leiterin an Bord. In ihren Studien zu Wirtschafts- und Finanzbildung hat sie dieselben Befunde ermittelt wie viele andere auch: Es ist nicht besonders gut bestellt um die Finanzbildung und das wirtschaftliche Grundlagenwissen in Österreich – insbesondere bei Jugendlichen.

Natürlich geht es uns auch darum, möglichst früh mit Jugendlichen in Kontakt zu treten, um ihr Interesse an Wirtschaft und somit an einem Wirtschaftsstudium zu wecken. Finanziell unterstützt werden wir von der Industriellenvereinigung und der Berndorf Privatstiftung, die auch über den Beirat und das Organisieren von Expertenwissen wertvolle Arbeit geleistet haben.

WU4JUNIORS besteht aus Online-Modulen aus den Bereichen Wirtschaft, Finanzen und Recht und einer Summerschool. Nach welchem pädagogischen Konzept haben Sie die Lerninhalte entwickelt?

Die Grundüberlegung war, Massive Open Online Courses (MOOCs) zu erstellen, die von Jugendlichen selbständig absolviert werden können. Die Inputs sollen zeitgemäß und daher videobasiert sein – und die Jugendlichen sollen mit ihnen lernen können.

„Ich kann nur an die Lebenswelt der Jugend anknüpfen, wenn ich die Lebenswelt verstehe.“

Alle unsere Online-Module sind nach demselben Prinzip aufgebaut: In Zusammenarbeit mit Expertinnen und Experten wurden die Videos didaktisch durchdacht und auf eine junge Zielgruppe zugeschnitten. Vorbereitend, nachbereitend und begleitend stellen wir unterschiedliche Aufgaben. Wenn eine Serie abgeschlossen ist, muss man in einem Quiz eine bestimmte Punktezahl erreichen, um ein Badge, also ein Abzeichen zu kriegen.

Die Kernidee von WU4-JUNIORS ist, dass sich Jugendliche selbständig eine Zusatzqualifizierung holen. Andererseits können Lehrende die Online-Module auch im Schulunterricht anwenden. Wie konkret?

Wir haben Rückmeldungen in alle Richtungen. Lehrende haben im Lockdown ein Modul als Hausübung aufgegeben oder zum Selbststudium in der Unterrichtsstunde. Manche haben die Videos in der Klasse gezeigt und nur Teile der Aufgaben verwendet. Ein Modul entspricht etwa dem Arbeitsaufwand einer Schulstunde.

Während unserer vierwöchigen WU4JUNIORS-Schul-Challenge haben manche Klassen die Inhalte sogar zum Schwerpunkt erhoben. Die Jugendlichen haben die Module daheim bearbeitet und in der Schulstunde wurden offene Fragen diskutiert. Wir haben aber bewusst keinen Leitfaden für den Unterricht erstellt, weil unsere Kernaufgabe nicht darin besteht, Unterrichtsmaterialien bereitzustellen. Doch wir sind in engem Austausch mit Lehrenden.

Welche Online-Module empfehlen Sie Lehrenden der Oberstufe für den Unterricht?

Um das Thema Wirtschaft zu eröffnen und weil es Grundbedingung für die Summerschool ist, empfehlen wir das Grundlagenmodul Der Wirtschaftskreislauf und seine Akteure. Es erklärt, wie Wirtschaft funktioniert und welche Rolle der Staat, die Haushalte und Unternehmen spielen. Das Basismodul empfehlen wir vor allem AHS-Klassen.

„Wirtschaftliche Fragen und Antworten unterscheiden sich, wenn man sie aus rechtlicher, volkswirtschaftlicher oder betriebswirtschaftlicher Perspektive betrachtet.“

Passend dazu eignet sich das Modul Perspektiven auf Wirtschaft. Wir wählen bewusst unterschiedliche Fachperspektiven aus unserem Haus, weil sich wirtschaftliche Fragen und Antworten unterscheiden, wenn man sie aus rechtlicher, volkswirtschaftlicher oder betriebswirtschaftlicher Perspektive betrachtet. Dieses Modul soll Jugendlichen zeigen, dass es nicht den einen Blick auf die eine Wirtschaft gibt.

Wie sind diese Online-Module im Detail aufgebaut?

Jedes Modul besteht aus einer Serie mit drei bis vier Videosequenzen zwischen fünf und sieben Minuten. Meistens stellen sich Moderatorinnen und Moderatoren stellvertretend für das Publikum eine leitende Frage und lassen diese von Expertinnen und Experten in Interviews beantworten. Manche Videos enthalten Spielszenen, in denen die jugendlichen Teilnehmer/innen etwa beim Einkaufen das Thema Welthandel erörtern oder bei der Suche nach einem Praktikum erfahren, was ein Unternehmen ausmacht.

Jedem Modul vorgeschaltet sind sensibilisierende Aufgaben, die mit Fragen oder Schätzungen aktivieren und neugierig machen sollen. Nach jedem Video stellen wir nachbereitende Aufgaben – zum Rechnen oder Zuordnen, Wahr/Falsch- oder Multiple-Choice-Aufgaben oder Begleittexte mit Fragen. Hat man alle drei/vier Module eines Themas durchgearbeitet, kommt man zum finalen Online-Quiz. Wer in allen Modulen einer Serie die Mindestzahl an Punkten erreicht, kann sich ein Badge abholen.

Zu dieser „Prüfung“ darf man nur einmal antreten, richtig?

Als User/in kann man den Antritt nicht mehr zurücksetzen. Doch man kann uns kontaktieren, wenn ein Fehler passiert.

Welche weiteren Online-Module empfehlen Sie?

Die Kernthemen beschäftigen sich mit Begriffen der Finanzbildung. Wichtig ist uns, mit allen Modulen an die Lebenswelt der Jugendlichen anzuschließen. Wenn wir etwa Schulden behandeln, erklären wir, wie 0-Euro-Handyverträge funktionieren, um aufzuzeigen, man hat schneller Schulden als einem bewusst ist.

„Kryptowährungen und Direktbanken haben unter jüngeren Leuten deutlich mehr Fans als das klassische Bankkonto.“

Beim Thema Geld geht’s neben den Funktionen auch um das Prinzip von jugendrelevanten Kryptowährungen. Denn diese – und auch Direktbanken wie N26 – haben unter jüngeren Leuten deutlich mehr Fans als das klassische Bankkonto. Im Modul Armut zeigen wir, wie man Armut berechnet und wie sie sich weltweit und hierzulande entwickelt.

Worum geht’s im Online-Modul „Nachhaltige Entwicklung“?

Beim Thema Nachhaltigkeit geht es darum, zu zeigen, dass Wirtschaft in einen sozialen und ökologischen Rahmen eingebettet ist und ihre Limitationen hat. Wobei keines unserer Module predigend oder ideologisch normativ ist, sondern sie versuchen den Jugendlichen analytisch zu zeigen, wie Zusammenhänge entstehen.

Daher fordern wir auch im Nachhaltigkeitsmodul nicht, auf bestimmte Produkte zu verzichten. Die Grundidee ist eher, aufzuzeigen, was vergessen wird, wenn man Wirtschaft rein aus der Perspektive des Marktes und der Profitsteigerung betrachtet.

Im Modul „Aktien“ geben Sie schon konkrete Handlungsempfehlungen, welche Informationen man vor dem Erwerb von Aktien einholen sollte und wie der Kauf von Aktien für Privatpersonen funktioniert.

Das ist einfacher, weil das Modul konkrete Fragen aufgreift, die Jugendliche auch haben. Es gibt Themen mit praktischen Fragen wie Verträge, Aktien und Versicherungen; andere Themen werfen fundamentale Fragen auf. Die Module versuchen die Balance zu halten, damit komplexe Themen nicht unzulässig reduziert werden.

In der WU4JUNIORS Schul-Challenge können Schulklassen Preise gewinnen, wenn sie besonders viele Online-Module absolvieren. Wie können Schulklassen dieses Jahr teilnehmen?

Indem die Schüler/innen sich mit ihrer Schul-E-Mail-Adresse auf unserem Portal LearnPublic registrieren und von 1. bis 31. März ihre Badges erarbeiten. Diese reichen sie dann zwischen 28. März und 8. April über die Programmseite ein.

Welche Reaktionen kamen von den teilnehmenden Schulen im letzten Jahr?

Wir haben sehr unterschiedliche Signale aus HAK und AHS erhalten. Wo Wirtschaft weniger im Lehrplan steht, sitzen die Schüler/innen auch länger an den Modulen, weil vieles für sie neu ist. Doch sie lernen auch Neues.

„Wir haben unterschiedliche Signale aus HAK und AHS erhalten. Wo Wirtschaft weniger im Lehrplan steht, sitzen die Schüler/innen auch länger an den Modulen.“

In den Handelsakademien lautete das Feedback von Lehrenden und Schüler/innen, dass die Module gerade für Abschlussklassen ein geeignetes Wrap-up seien, um den Stoff der letzten Jahre zu wiederholen.

Im Sommer findet wieder die WU4JUNIORS Summerschool statt. An wen richtet sie sich und wie nimmt man teil?

Auch die Summerschool richtet sich an alle Jugendlichen ab 16, die ihr Wirtschaftswissen vertiefen wollen. Wir arbeiten mit Gruppen zwischen 30 und 50 Jugendlichen pro Kohorte. Das erlaubt mehr Tiefgang als die Online-Module, viele Diskussionen und unmittelbares Feedback.

Um teilzunehmen, muss man das Bewerbungsverfahren bestehen, da die Plätze limitiert sind. Man benötigt eine bestimmte Anzahl an Badges aus den Online-Modulen und ein kurzes Motivationsschreiben.

Was bringt jungen Menschen die Teilnahme an der Summerschool?

Ursprünglich dachten wir, dass sie primär junge Menschen anspricht, die später bei uns studieren wollen – denn die Summerschool ist auch im WU-Studium anrechenbar. De facto studiert der überwiegende Teil der Besucher/innen an anderen Universitäten und sammelt bei uns Erfahrungen für ihre Bildungsbiografie. Zusatzqualifikationen werden am Arbeitsmarkt immer wichtiger, denn in einer zusehends komplexeren Welt können formale Ausbildungen nicht mehr alles abdecken.

Zusammenfassend: Was muss lebensweltbezogene Wirtschaftsbildung leisten, damit sie die Jugend auch erreicht?

Ich kann nur an die Lebenswelt der Jugend anknüpfen, wenn ich die Lebenswelt verstehe. Über die Forschung von WU-Professorin Bettina Fuhrmann versuchen wir, nah an den Fragen und Themen der Jugendlichen zu bleiben. Auch durch einen intensiven Dialog mit Lehrenden und Schüler/innen bleibt man relevant. Es soll nicht darum gehen, das zu vermitteln, was wir glauben, dass alle unbedingt wissen müssen.

„Es soll nicht darum gehen, das zu vermitteln, was wir glauben, dass alle unbedingt wissen müssen.“

Hier finden Sie weitere Infos zu den Online-Modulen, der School-Challenge und der Summerschool von WU4JUNIORS.

Im aktuellen WissenPlus zeigen wir Ihnen drei interaktive Spiele, mit denen Schüler/innen ihr Wissen zum Kaufvertrag überprüfen können.

 

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